Tränen – Teil 1
Tränen, Trauer und Trost
Dieses aktuelle Thema ist in die drei Teile gegliedert Tränen, Trauer und Trost. Es nimmt Bezug auf Erlebtes, auf Konfrontationen, auf Interpretationen und auf Lösungen, die von Tränen und Trauer zum Trost führen. Am Schluss des jeweiligen Themas helfen kurze Gebetstexte die Thematik weiterzuführen.
Zum Einstieg ein Bild:
Ein buntes Blatt – ein Erlebnis aus meiner Anfangszeit als Pfarrer
Der Herbstwind war bei mir zu Gast.
Er legte auf das Fensterbrett
ein welkes Blatt.
Noch leuchtet es im matten Licht
in Rot und Gelb, in Gold und Braun.
Ein Lächeln lockt mir ’s vom Gesicht.
Wehmütig sinn’ ich – halb im Traum:
Ein welkes Blatt.
Und neben Wehmut
füllt mein Herz mit Freude sich
an dem, das war.
Doch, freuen darf ich mich auch jetzt:
Der Herbstwind war bei mir zu Gast.
Er legte auf das Fensterbrett
ein buntes Blatt.
Teil 1: Tränen
Tränen sind ein Teil des Lebens
«Ich habe keine Tränen mehr,» sagte die hagere Frau. «Das Schwere meines Lebens und die Trauer beim Abschied an den Gräbern meiner Geliebten machten das Mass voll. Ich bin ausgeweint.» Tatsächlich empfand diese Frau ihr Leben wie eine quellenlose Wüste.
Da meinte ein älterer Mann: «Ich weine eigentlich nicht, aber die Erinnerungen und der Schmerz lassen Tränen wie Perlen über meine Wangen kullern. Ich lasse es zu und sehe nachher wieder klarer.»
Es wird viel erlitten und es wird viel geweint – von Jungen, von Verheirateten und von Einsamen. Leid und Tränen sind ein Teil des Lebens in einer schönen aber leidvollen Welt. Von vielen bekannten Persönlichkeiten weiss ich nicht, ob oder wann sie geweint haben oder weinen. Aber in einem Lied hörte ich, dass die Engel bei gravierenden Ereignissen weinten: «Angels cried.» Ein Blick auf die Kriege und Auseinandersetzungen auf dem Planeten Erde bringt viele zum Weinen.
Ob Abraham weinte, weiss ich nicht, aber Jesus weinte und sein Begleiter, Simon Petrus, weinte auch. Und ich hatte feuchte Augen und eine zitterige Stimme, als ich in der Passionszeit in einem Gottesdienst vom Leiden des Gekreuzigten sprach. Und es waren nicht die einzigen Tränen meines Lebens.
Als Studenten sangen wir in Spitälern auch ein Lied von Karl Schneider. Er hatte es in meinem Geburtsjahr geschrieben mit den Sätzen: «Tief aus den Nöten wir zu dir beten: Stille das Sehnen, trockne die Tränen, hilf aus der Bedrängnis.» Und Leidende weinten.
Tränen abwischen
Du, ewiger Gott,
wirst abwischen die Tränen der Trauer,
und trennt uns noch das Leiden als Mauer,
bist du dennoch da.
Du, Herr, Jesus Christ,
hast mit geweint beim Leid der Lieben.
Dein Wort ist Trost, dein Trost ist geblieben.
Wer dir glaubt, der lebt.
Du, heiliger Geist,
du Tröster-Gott, bist Beistand im Leben,
in Schmerz und Tod; durch dich ist gegeben
der Ausblick aus Not.
Tränen und weinen wird zum Teil verdrängt
Es berührt mich eigenartig, dass in einem Werk über Psychologie im Sachwortverzeichnis für über 1000 Seiten kein Eintrag über Tränen und weinen steht. Und doch hat beides stark mit dem psychischen Befinden zu tun. In «Worte für unsere Zeit» fand ich immerhin unter Trauer den gekürzten Satz: «Es ist ein Weinen in der Welt… Du! Wir wollen uns tief küssen…» Else Lasker-Schüler. Das ist nicht allen möglich. Und doch bleiben Weinen und Tränen eine Realität.
Meine «Biblische Handkonkordanz» nennt gut 30 Stellen zu Tränen und rund 100 zu weinen. Beides aus unterschiedlichsten Situationen des Lebens. Die Weisheit dieser Berichte ist es Wert, sie zu beachten. Das «Handbuch mit 20`000 sinnverwandten Wörtern» von rororo erwähnt zu weinen unter anderem: «Tränen vergiessen, schreien, heulen, in Tränen schwimmen, schluchzen, wimmern, flennen» und auch «beweinen, betrauern» und «untröstlich sein».
Weinen tut gut
Tränen und weinen hat mit unserem gefühlsmässigen Empfinden zu tun. Tränen können aufgrund von schmerzenden Erlebnissen hervorbrechen. Wenn unsere Emotionen bestimmte Grenzen durchbrechen, brauchen sie eine Art Ventil, um den Druck abbauen zu können. Dann heisst es: «Weinen tut gut.» Es löst; und sprechen entlastet. Tränen sind Perlen anderer Art. Weinen und Tränen haben ihren berechtigten Platz in unserer oft so verletzenden Umwelt. Sie haben oft eine Funktion, die zum Heilen mithilft.
Im Spital weinte und schluchzte eine junge Frau untröstlich. Andere Frauen, die mit ihr das Zimmer teilten, schauten am Fenster stehend nicht verstehend zu. Als Krankenhaus-Seelsorger wurde ich gebeten, in dieses Zimmer zu gehen. Es war bald klar: Das waren nicht in erster Linie die körperlichen Schmerzen, die so intensiv belasteten; es war der Schmerz der Verlassenheit. Ihr bisheriger Freund hatte sich von ihr abgewandt. Worte halfen wenig. Da gab ich ihr mein frisches Taschentuch, um die Tränen zu trocknen. Als ich weggehen musste, überliess ich es der immer noch weinenden Patientin. Tränen trocknen, hilft das? Wie sie mir später sagte, deutete sie das Überlassen des Taschentuchs als ein Zeichen dafür, dass ich wieder kommen werde, um es zurückzuholen. Ich kam wieder, aber ich überliess ihr das Pfand, um auch weitere Tränen zu trocknen, denn es war klar, das diese nicht die letzten sein konnten.
Anteilnahme ist das Geschenk
Ein gegebenes Zeichen schenkt Hoffnung, weckt eine Erwartung. Manchmal ist das geschenkte Zeichen ein Wort, eine Zusage, ein Versprechen. Anteil nehmen wird zum Trost. Und Trost lässt Tränen versiegen oder in Freudentränen verwandeln. Das letzte Buch der Bibel weist auf einen triumphalen Abschluss hin. Gott hat deine Tränen gesehen und dein Weinen gehört. Gott selber nimmt sich den Weinenden an, denn: «Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen.» Und das wird umfassend sein. Die «Volx Bibel» nennt es mit den Worten: «Der Tod wird dort keine Chance mehr haben. Leiden, Schmerzen, Angst: Das alles wird es dort nicht mehr geben.» Offenbarung 21,3-4. Die Tränen, die aus grossem Leiden und tiefer Trauer geboren werden, sind nicht umsonst und müssen nicht das Letzte sein. Heilung ist möglich, aber vieles braucht Zeit.
Die nachfolgenden Gebete sind entstanden im Zusammenhang von «Tränen, Trauer und Trost». Sie können eine Hilfe bieten, um Worte zu finden in den verschiedenen Situationen des Lebens.
Gebete zu Tränen und weinen
Die Tränen
Ich bin gewiss, dass die Leiden dieser Zeit
ein Kleines sind im Vergleich zur Ewigkeit
mit ihrer Herrlichkeit.
Ich bin gewiss, dass die Tränen unserer Welt
getrocknet sind in der Zeit, die Gott erhellt
mit seiner Herrlichkeit.
Ich bin gewiss, dass das Warten in der Nacht
ein Ende hat und ein neuer Tag erwacht
mit Gottes Herrlichkeit.
Wolken wandern
Wolken wandern über Wege,
über Wiesen, über Städte,
und ich lebe mit der Pflege,
als ob alle Zeit ich hätte.
Doch wer kann die Tage zählen,
die schon waren, die noch kommen?
Wer kann sein Ergehen wählen?
Nicht die Schurken, nicht die Frommen.
Wie die Wolken sind die Jahre:
Erst gekommen, schon entwichen.
Und es wartet eine Bahre,
ist des Lebens Licht verblichen.
Und doch wohnt ein stilles Wissen
neben Tränen, Leid und Sorgen,
dass nach haben und vermissen
kommen wird ein neuer Morgen.
Weinen
Es ist ein langes Sterben
mit Schmerzen Tag und Nacht.
Was war, ist am Verderben,
nur Schwachheit hat noch Macht
in dieser Zeit.
Wann wird mir Freiheit werden?
Die Sehnsucht hält mich wach.
Mein Ziel ist nicht auf Erden.
Gott selbst ist Raum und Dach –
der Liebe Ziel.
Warum muss ich noch warten?
Warum kann ich nicht geh’n?
Die Fragen schlagen Scharten
und lassen doch nichts seh’n
in dieser Zeit.
Es lasten Angst und Leiden
und tiefes Nichtversteh’n
auf aufgeschob’nem Scheiden,
und doch werd’ ich dich seh’n –
Nur kurze Zeit
Es währt das Leben nur kurze Zeit;
all unser Streben reicht nicht weit.
Wir sind schon bald entlassen
und können es nicht fassen.
All unser Planen bricht oft genug
auf schiefen Bahnen wie ein Krug.
Bei weiten, kühnen Wegen
steht uns die Zeit entgegen.
Uns zu ergeben in Gottes Zeit,
macht unser Leben endlich weit.
Auf allen deinen Wegen
schenkst du, Gott, deinen Segen.
Komm, du Trost
Komm, Jesus, komm, du Trost und Heil,
gib uns an deinem Frieden Teil.
Auf dich allein noch hoffen wir
und schauen wartend aus nach dir.
Komm, Jesus, komm, und bringe du
Leid, Tränen, Schmerz nun ganz zur Ruh.
Nimm du Gebet und Seufzer wahr
und künde uns das neue Jahr.
Komm, Jesus, komm. Der Tod erschreckt,
wenn Schuld und Schaden nicht bedeckt
und noch als Last uns bleiben will.
Mach du uns frei, im Glauben still.


