Trauer – Teil 2
Tränen, Trauer und Trost
Dieses aktuelle Thema ist in die drei Teile gegliedert Tränen, Trauer und Trost. Es nimmt Bezug auf Erlebtes, auf Konfrontationen, auf Interpretationen und auf Lösungen, die von Tränen und Trauer zum Trost führen. Am Schluss des jeweiligen Themas helfen kurze Gebetstexte die Thematik weiterzuführen.
Teil 2 – Trauer
Trauer und Dauer
Trauern braucht Zeit. Trauer und Dauer stehen in einer nicht leicht zu definierbaren Verbindung. «Warum seid ihr heute so traurig?» Das ist die erste Frage in der biblischen Liste von traurig und Trauer. Im gleichen Buch, in dem es im Brief an die Philipper 4,4 heisst: «Freut euch! Und noch einmal sage ich: Freut euch!» stehen auch die anderen Worte: «Da war ich drei Wochen lang traurig.» Buch Daniel 10,2. Trauer ist oft mit Dauer verbunden.
Das Internet-Suchprogramm «Google» nennt zu traurig: Von Trauer erfüllt, Kummer, Betrübnis hervorrufend. Das heisst: Es ist nicht genug, von Traurigkeit voll zu sein; die zu erlebende Situation kann auch noch zusätzliche Trauer hervorrufen und hinzufügen. Dann wird Trauer als weiter wirkende Last spürbar. Der Suchdienst zählt auch auf, was die Trauer für Auswirkungen haben kann: Trauernde werden bedrückt, bekümmert, betrübt, depressiv, deprimiert,freudlos, gebrochen, beklagenswert, bitter und hart. Eine solche Zeit ist herb, quälend, qualvoll, schlimm, schmerzhaft.
Einmal ist es zunächst etwas Undefinierbares, etwas, das betäubt, ein andermal ist es etwas Bestimmtes, das die Trauer zur Last werden lässt. Und oft währt die Trauer über Tage und Nächte oder über Wochen.
Die Trauer hat bestimmte Phasen
Verena Kast gliederte als langjährige Professorin für Psychologie an einer Vorlesung an der UNI Zürich die Trauerzeit in vier Teile. Ich nenne sie in freier Formulierung. Zunächst ist es ein Nicht-wahrhaben-wollen, dass der Verlust wirklich geschehen ist. Der Schock ist zu gross, um die Gefühle ordnen und steuern zu können. Auch ist die Fähigkeit, Hilfe annehmen zu können, vermindert.
Dann folgt als zweites das Aufbrechen chaotischer Emotionen: Schmerz, Wut, Angst, Schuldgefühle oder die Suche nach Schuldigen. Die Gefahr ist gross, in eine Depression zu fallen, sich selbst aufgeben zu wollen, weil das Leben sinnlos erscheint. Depressionen erfordern eine fachlich kompetente Therapie.
Dieses Chaos zwingt in der nächsten Phase dazu, sich vom Geschehenen zu lösen, es bewusst loszulassen. Für Christen besteht das Angebot, die Lasten, das Chaos, sich selbst und die Mitbetroffenen im Gebet Gott hinzugeben. Jetzt ist zu lernen, dass es möglich ist, mit Enttäuschungen und mit einem Verlust zu leben.
Und erst als viertes folgt eine neue Beziehung zu sich selbst und zur Umwelt. Neue Beziehungen sind notwendig und sie werden möglich. Das heisst: Trauer hat Dauer, aber sie findet ein Ende durch die Umwandlung. Das Erleiden von Traurigkeit blockiert, die Blockade kann aber gelöst werden und neuen Perspektiven Raum geben.
Trauer und Traurigkeit haben Ursachen.
Trauer wird durch etwas ausgelöst. Oft ist es ein Verlust, ein Abschied, eine Trennung, ein verborgener Schmerz. «Nobody knows the trouble I’ve seen,» singt der Belastete in den Spirituals. Trouble, Verlust, Entbehrung, Not, Unruhe, Kummer, Sorgen, Schwierigkeiten, Mühen, Lasten, Krisen und was alles noch hinzugefügt werden muss, das alles kann einen in tiefe Traurigkeit, in Zeiten der Trauer pressen und nur noch schwer atmen lassen.
Gewiss ist die Trauer beim Verlust eines geliebten Mitmenschen leider eine der schwersten Ursachen der Trauer. Als ich am Grab meiner erst verstorbenen Gattin stand, beachtete ich eine junge Frau ein paar Meter neben mir. ebenfalls vor einem neuen Grab stehen. Sie sprach in ihrer Trauer hörbar mit ihrem erst vor kurzem verstorbenen Gatten. So ging ich behutsam zu ihr, stand neben ihr und wartete. Da schaute sie auf, und ihr Blick war fragend. Da sagte: ‹Ja, ich trauere auch.›
Wir versuchten, ein ähnliches Erleben in unterschiedlichen Situationen zu bewältigen. Und doch erlebten wir diese Zeit völlig verschieden. Für sie war es, wie wenn sie ununterbrochen in ein offenes, kaltes Grab schauen würde. Alles, was ihr blieb, war tot. Keine Hoffnung und kein Trost. Da sagte ich vom «Heimgehen» meiner Gattin und von der Gegenwart und Hilfe des auferstandenen Jesus Christus. Es waren offensichtlich Fremdwörter für sie, fremde Worte, die erst noch zu lernen waren.
Aus Traurigkeiten führst du
Aus des Lebens Traurigkeiten
führst du zu des Nächsten Not,
neue Hoffnung zu bereiten,
Stärkung durch dein täglich’ Brot.
Deines Wortes Kraft und Segen
ist auch heute wieder neu.
Du wirst Sturm und Wellen legen.
Du bleibst immer nah und treu.
Hätten wir dich je vergessen,
du vergisst uns ewig nicht.
Sind im Dunkel wir gesessen,
wurdest du selbst uns zum Licht.
Du lädst ein, dir zu vertrauen,
glauben gegen Trug und Schein,
denn nur du führst hin zum Schauen,
allezeit bei dir zu sein.
Daten sind Erinnerungstage
Das Datum des Verlustes und das Empfinden ist auch nach Jahren noch präsent. So rief mir von ein paar Tagen eine feinfühlige Frau an, die mit meiner Gattin befreundet war. Sie sagte, der 11. Januar sei und bleibe für sie der unvergessliche Todestag meiner Gattin. Sie möchte auch dieses Jahr das Leid mit mir teilen. So lieb. Und ich vergesse auch den 4. Dezember nicht, den Tag als mein Vater auf dem Heimweg von einem Bibelabend mit seinem Motorrad tödlich verunfallt ist. Er wurde von einem von links kommenden Lastwagen überfahren. Es sind Jahrzehnte her, aber die Erinnerung bleibt.
Noch einmal höre ich in mir ein Spiritual singen: «Sometimes I feel like a motherless child.» Und es sind viele, die fühlen und erleben wie es ist, ‹ein mutterloses Kind› zu sein oder ein vaterloses. Auf meines Vaters Grabstein waren die zwei Worte eingraviert: «Zu Gott.» Ich konnte im Lauf der Jahre Gott, den himmlischen Vater, kennen lernen. Zu ihm beten wir zaghaft oder voll Vertrauen: «Unser Vater, Vater unser.» Aber ich lernte auch beten: «Vater, ich verstehe dich nicht, aber ich vertraue dir doch.»
Da höre ich Pfarrer Kurt Marti, der einst mein Nachbar war, sagen: «Dem Herrn, unserem Gott, hat es ganz und gar nicht gefallen, dass Gustav E. Lips durch einen Verkehrsunfall starb.» Zu leicht wird gesagt: «Es hat dem Herrn gefallen» Nicht alles «hat dem Herrn gefallen.» Nicht alles ist ergeben hinzunehmen, wenn auch vieles nicht abgewendet werden kann.
Der Weg in die Trauer ist verschieden
In allen Schul- und Studienklassen ist mindestens einer meiner Kameraden und Kollegen gestorben. Dieses Sterben und dieses Abschiednehmen müssen, geschah in sehr unterschiedlicher Weise und begleitete mich Jahr für Jahr: Ein Schulkamerad starb mit 12 Jahren an einer unheilbaren Krankheit, ein Banknachbar der Bezirksschule erlitt einen Herzinfarkt, ein Mitschüler warf sich unter einen Zug, mein Studienfreund ist im Main ertrunken, einer hat seinen Arbeitgeber gewechselt und sich kurz vor Weihnachten von Frau und Kindern abgewandt und sich das Leben genommen.
Mit dem Ruhestand nimmt Abschiednehmen noch zu. Ein Studien- und Zimmerkollege kaufte sich im Ruhestand ein neues Auto. Als er den Schlüssel vor der Autotüre in den Händen hielt, brach er tot zusammen. Seine Frau sagte von der Schwere des Verlustes, von der Traurigkeit und von dem Nichtverstehen. Und vor ein paar Tagen ist ein um Jahre jüngerer Studienfreund an einem Hirntumor gestorben nachdem er gerade noch seine erste Urenkelin auf den Armen halten durfte. So verschieden kann das Sterben sein und so verschieden auch der Weg in die Trauer.
Der schwere Verlust eines nahestehenden Mitmenschen, des Ehepartners, eines Kindes, einer Freundschaft, der jugendlichen Frische, der Haare, der Gesundheit der oder gar die operative Entfernung eines Teils des Körpers, eines Fusses, einer Brust, der Arbeit, der Wohnung oder eines Lebenswunsches – das alles kann in grosse Verunsicherung und Traurigkeit führen. – Zu wissen, dass das Überleben als Persönlichkeit wichtiger ist als an einem Verlust oder an Entbehrungen hängen zu bleiben, ist bereits ein Anfang des neuen Weges.
Der Weg aus der Trauer hinaus
Nach der Rückkehr von einem Flug aus Amerika hat mich eine Flight Attendant zu einem Gespräch eingeladen. Sie hatte beachtet, dass ich in der Bibel las. So suchte sie mich. Ich war überrascht, ein ungeordnetes Zimmer anzutreffen, wie ich es sonst eher bei Teenagern gesehen habe. Aber sie machte einen Stuhl frei, und dann sagte die adrette Flugbegleiterin von ihrer Traurigkeit und Einsamkeit. Sie, die freundlich lächelnd unbekannte Fluggäste betreut, hatte nun ein ganz anderes Gesicht: Augen voll Leere, voll von Leiden und Enttäuschung. Ihre Traurigkeit war darin begründet, dass sie mitten unter vielen Leuten sich allein fühlte, ohne einen begleitenden Lebenspartner, der auf sie wartete und sie daheim wieder willkommen hiess.
Ich weiss, sie ist mit diesem Leiden und mit dieser Trauer nicht allein. Andere empfinden diese Einsamkeit ähnlich als Trauer über ein unerfülltes Leben. Ihre Frage war, muss das so sein und so bleiben? Wie komme ich aus diesem ‹Loch› heraus? Es ist hilfreich, solche Fragen zu stellen, um Antworten zu finden.
Im «Das Beste» las ich: «Traurigkeit ist Tod. Heiterkeit ist Leben.» Traurigkeit kann in eine Depression münden, wenn einem das Leben leid wird. Ich höre den leidenden Hiob fragen: «Wie lange noch?» Und den Propheten Jeremia sagen: «Es ist genug. Nimm das Leben von mir.» – Sterben wollen, den Suizid planen, das sind Zeichen eines unerträglich gewordenen Leidens und einer tief wurzelnden Traurigkeit. Darüber sprechen, Hilfe suchen, sich ansprechen lassen und Hilfe annehmen, kann vieles verändern.
In einer «Geo» Broschüre las ich: «Trauer ist der Preis, den wir zahlen müssen, Liebe zu empfinden.» Muss wirklich Traurigkeit der Eintrittspreis zur Liebe sein? Sie muss es nicht, aber Liebe kann Traurigkeit verwandeln zu neuem Leben.
Trauer spürte ich auch bei Tierfreunden, die den Verlust eines treuen Hundes oder Pferdes oder irgend eines anderen Lebewesens verkraften mussten. Wie weh kann doch das Sterben tun. Und wie lange hält das oft stille Leiden an. Das wird leicht unterschätzt. Die Lücke bleibt. Die Lücke ist es. Nicht umsonst sagt Jesus: «Weinet mit den Weinenden.» Aber dann sind die Tränen wieder zu trocknen, um eine klare Sicht zu bekommen und den neuen Weg zu gehen.
In einem Vergleich – von unbekannt – heisst es: «Trauer ist wie eine Pflanze. Sie wächst oft rasch empor wie ein Bambus. Sie beugt alles wie eine Trauerweide. Sie wird stark wie eine Tanne, aber sie wird auch zu einem lieblichen Baum mit reifen Früchten, Äpfeln, Datteln, Kastanien und Aprikosen.» Ich verstehe dieses Gleichnis als ein Suchen nach Trost und als ein Ahnen: Trost ist möglich.
Die nachfolgenden Gebete sind entstanden im Zusammenhang von «Tränen, Trauer und Trost». Sie können eine Hilfe bieten, um Worte zu finden in den verschiedenen Situationen des Lebens.
Gebete zu Traurigkeit und Verlust
Sterben
Das Sterben hat begonnen
vor langer Zeit.
Beim hellen Stand der Sonnen
zog sich der Bogen weit.
Nun wachsen lange Schatten
im milden Abendlicht,
der Weg entlang den Matten
teilt kaum ein lieb’ Gesicht.
Es will schon dunkel werden
auf Strassen und im Wald,
die Zeit auf diesen Erden
neigt sich dem Ende bald. >
Ein Lichtstrahl bleibt erhalten
aus Gottes Ewigkeit:
In seinem treuen Walten
schenkt er die neue Zeit.
Trauer beim Nichtverstehen
Ein Gebet für die trauernden Nachbarn:
Ich kann dich nicht verstehen,
wenn du uns gibst – und wieder nimmst.
Wir wollten Freude, Liebe sehen
und finden Schmerz und Wunden.
Hast du uns denn verlassen?
Wir glaubten doch, du meinst es gut;
doch können wir es niemals fassen.
Wir sind in Leid gebunden.
Warum, mein Gott, muss das geschehen,
wenn du uns liebst, dass du uns nimmst,
was wir ersehnt – und nicht mehr sehen;
und Trost ist nicht gefunden.
Und doch will ich vertrauen,
wenn du uns gibst und wieder nimmst.
Ich will auf deine Treue bauen –
auch in den schwersten Stunden.
Strahlen
Die Strahlen deiner Herrlichkeit
erhellen meine Nacht.
Du bist zur Hilfe schon bereit,
hast stets an mich gedacht.
Und war ich dir nicht immer treu
im Wirbel dieser Zeit,
blieb deine Gnade täglich neu,
dein Lieben gross und weit.
Du stehst mir bei, Herr Jesus Christ,
in Traurigkeit und Leid
und sagst, dass du stets bei mir bist,
oft in des Nächsten Kleid.
Die Strahlen deiner Herrlichkeit
verwandeln meine Nacht.
Ein neuer Morgen ist bereit.
Ich bin für dich erwacht.
Des Leidens Sinn
Des Leidens tiefster Sinn
ist immer noch verborgen.
Es lasten neue Sorgen.
Worin liegt der Gewinn?
Und wer hilft mir ertragen,
wo keine Antwort ist?
Dich, Jesus, will ich fragen,
der niemand je vergisst.
Du hast den Schmerz gekannt
und wusstest dich verlassen,
dich doch an Gott gewandt
vertrauend – ohne hassen.
Steh bei mir – hier im Harren.
Trag mich mit meiner Last,
dass Zweifel mich nicht narren.
Ich bleibe stets dein Gast.
Ich will dir’s klagen
Mir ist so weh,
ich will dir’s klagen:
In Eis und Schnee bin ich begraben.
Die Kälte schaudert mich.
Wie waren einst die Feiertage
mir Freude nach des Alltags Plage.
Ach, Herr, erbarm’ dich noch.
Die Stille starb,
das Lob verklungen.
Das Fest verdarb vom Lärm verschlungen.
Das Feiern wird so leer.
Bleibst du uns fern, sind wir verloren.
Du möchtest uns doch neu geboren.
Brich durch, du Morgenstern.
Weck Tote auf
und schenke Leben.
Nimm deinen Lauf zum Heil gegeben.
Verwandle diese Welt.
Nur du allein kannst alles wenden
und deinen guten Geist uns senden.
Dann sind wir völlig dein.
Stille der Nacht
Stille der Nacht und einer wacht.
Viele Gedanken haften wie Ranken
am Kreis der Stunden.
Ruhe gefunden ist das noch nicht.
Kein Laut durchbricht das schwache Licht.
Wachen heisst warten.
Bilder von Fahrten wieder erstehen
und gleich vergehen wie mancher Traum.
Ein gutes Wort trägt mich nun fort
in neue Zeiten und stille Weiten.
Der junge Morgen ist bald zu borgen
nach dunkler Nacht.
Ein Traum?
War es nur ein Traum,
den leichten Weg zu finden?
Bin ich wie ein Baum
entblösst vom Schutz der Rinden?
Ein Baum, der verdirbt?
Ein Traum, der stirbt?
Sind die Tage leer?
Und ist der Sinn entschwunden?
Hat das weite Meer
die Ufer nicht gefunden?
Kein Leuchtturm, der blinkt. –
Ein Boot versinkt.
Leben ist doch mehr
als heute zu verzagen.
Noch sind Schutz und Wehr
die ewig starken Gaben.
Wenn alles erbebt:
Das Leben lebt.



